Eine Gedichtanalyse verlangt nach einer durchdachten Struktur. Mit Lyrik, Dramatik und Epik existieren grundsätzlich 3 Gattungen, die die literarische Gestaltung prägen und die systematische Textarbeit im Rahmen einer Gedichtinterpretation maßgeblich beeinflussen. Hierbei sind Thema des jeweiligen Gedichts, Motive, Gedichtform, Struktur, Sprachbilder, Stilmittel, Syntax, Metrum, Rhythmus, Klangform, Reime, Satzbau, Wortart, Kernbotschaft sowie das Selbst- und Weltverständnis des lyrischen Ichs zu analysieren.

Die Gedichtinterpretation gliedert sich prinzipiell in Einleitung, Hauptteil und Schluss. Während die Einleitung wahlweise den literarischen Kontext oder erste Eindrücke bündelt und einen Ausblick auf das geplante Interpretationsverfahren und die Kernbotschaft eröffnet, lebt der Hauptteil von einer systematischen Analyse der einzelnen Strophen und ihrer konkreten Inhalte. Prägnante Textstellen sind zu erklären. Zu diesem Zweck sind die konkreten Motive zu charakterisieren, die Sprachbilder zu erfassen und zu deuten und die vorliegende Gesamtstruktur des Gedichts zu analysieren. Demgegenüber thematisiert der Schlussteil das mutmaßliche Selbst– und Weltverständnis des lyrischen Ichs und sensibilisiert angemessen für die Botschaft, die das Werk transportiert und aussendet. Optional schärft der Schluss zudem das Bewusstsein für den jeweiligen Werk– und Epochenzusammenhang eines Gedichts.

Lyrik ordnet Gedichte in verschiedene Untergattungen ein…

Welche Gedichtarten/Gedichtformen gibt es & wie bestimmt man diese?

Die Lyrik kennt verschiedene Untergattungen, die sich optional an traditioneller Form, Funktion oder Inhalt bzw. Gehalt bemessen. Nach traditionellem Verständnis umfasst die Lyrik demnach traditionelle Gedichtarten in Form von Ballade, Volkslied, Sonett, Ode, Romanze, Aphorismus, Elegie, Hymne, Schäferlied, Heldenlied, Erzählgedicht, Epigramm, Päane, konkreter Poesie Epigramm, Dithyrambe, Bänkelgesang und Moritat. Klassifiziert hinsichtlich der Funktion eines betreffenden Gedichtes ergeben sich diesbezügliche Untergattungen zu denen etwa Schimpfgedichte, satirische Gedichte, Lehrgedichte und appellative Gedichte zählen. Zudem lassen sich Gedichte anhand ihres Inhalts einordnen. Gemäß der Klassifikation im Sinne des vorliegenden Inhalts existieren die Untergattungen Naturgedicht, philosophisches Gedicht, Minnesang, Kriegsgedicht, Liebesgedicht, Tagelied und reflexives Gedicht.

Exemplarische Beispiele, um Gedichte einer Gattung zuzuordnen

Exemplarische Beispiele für Lyrik, die der Kategorie Kriegsgedicht zuzuordnen ist, sind beispielsweise die Werke “ Frühling“ aus der Feder von Günther Eich sowie “ Nach fünf Jahren Krieg“; verfasst von Erich Fried. Zur Klassifizierung der Gedichte, die der Epoche der verlorenen Wirklichkeit bzw. der Trümmerliteratur entspringen, dient demzufolge der gedichteigene Inhalt bzw. der Gehalt des Gedichts. Beide Werke sind von schwermütigen, düsteren Leitmotiven getragen, die von Wehmut, Verzweiflung und Resignation des lyrischen Ichs erzählen. Beide Gedichte handeln davon wie sehr, Menschlichkeit, Respekt, Moral, ethische Werte und Empathie im Zuge bzw. Nachgang des Kriegsgeschehens verlorengegangen und der Verzweiflung über das irdische Leben und der unermesslichen Tyrannei gewichen sind.

Demgegenüber lässt sich das Gedicht “ Mächtiges Überraschen“ von Goethe, orientiert nach traditioneller Form, als Sonett identifizieren. Es weist ein Reimschema im Sinne von abba abba cde cde auf und besteht aus einer Symbiose aus jeweils 2 Quartetten und 2 Terzetten, wobei der Kontrast zwischen Quartetten ( Vierzeilern) und Terzetten ( Dreizeilern) eine inhaltliche und formale Zäsur markiert. Folglich ist für die Zäsur das Unterbrechen des Versrhythmus verantwortlich. Auslöser hierfür ist ein Hebungsprall, sodass sprechtechnische Gründe die Zäsur forcieren. Ebenso wie “ Mächtiges Überraschen“ gilt das Werk “ Blauer Abend in Berlin“ von Oskar Loerke im Sinne traditioneller Form als Sonett. Mit der Reimordnung abba abba cdd cdd zeigt es eine klassische Reimordnung des Sonetts.

Gemessen am Inhalt ist Goethes “ Selige Sehnsucht“ als Lehrgedicht einzustufen. Analog zu diesem Verständnis, das sich an der Einordnung eines Gedichts anhand seines konkreten Inhalts orientiert, gilt das Gedicht “ Untergrundbahn“ von Benn als Inbegriff eines erotischen Gedichts. Wer Gedichte, orientiert an ihrer jeweiligen Funktion, einstuft, und auf der Suche nach hochkarätiger Lyrik der Rubrik satirische Dichtung ist, stößt unmittelbar auf die Werke Erich Kästners. Sinnbild für derartige satirische Gedichte sind etwa die Werke “ Strafprozess auf Kugellagern“ und “ Sachliche Romanze“. Seine Lyrik ist von klarer Sprache überlagert und schärft das Bewusstsein für die Fähigkeit Kästners, der sich selber einst als Gebinde aus Schnürsenkeln, Gänseblümchen, Orchideen, sauren Gurken, Makkaroni und Schwertlilien sowie als Arme Leute- Sohn titulierte, für clevere Satire, die inspiriert und unverwechselbar pointiert daherkommt.

Mit “ Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ schuf Heinrich Heine ein berühmtes Gedicht, das die formalen Merkmale eines Volkliedes zeigt. So besteht das Gedicht aus 6 Strophen zu jeweils 4 Versen. Ein 3 – 4 hebiger Jambus prägt das Metrum. Die Verse folgen dem Reimschema abab ( Kreuzreim). Die Kadenzen des Gedichts sind unregelmäßig.

Gattungsform Sonett, Ballade und Volkslied zuverlässig erkennen

Eine Sonderstellung im Bereich der Gedichte nehmen die formal definierten Gattungsformen der Lyrik ein. Beispiele hierfür sind Ode, Sonett, Volkslied, Hymne und Sestine. Sie besitzen in der Regel traditionelle Versformen, die in traditionelle Strophenformen eingebettet sind. Oden verfügen deshalb über Odenstrophen, während Volkslieder mit Hilfe von Liedstrophen organisiert sind.

Rudolf Hagelstange kreierte mit seiner Dichtung “ Venezianisches Credo“ ein Gedicht, das aus der Epoche der verlorenen Wirklichkeit hervorgeht, der Riege der Trümmerliteratur angehört und die formalen Merkmale eines Sonettes aufweist. Erfolgt eine Einordnung des Werks orientiert an dem Inhalt der Lyrik, ist das Werk als Kriegsgedicht einzustufen. “ Venezianisches Credo“ besteht, abgelehnt an die traditionelle Form, aus einer Reihe aus 2 Quartetten und 2 Terzetten und umfasst 4 Strophen.

Sonette, die einst den Beinamen Klanggedicht trugen, folgen einem definierten Aufbau. Folglich basiert ein Sonett auf jeweils 4 Strophen, die in jeweils 2 Quartette ( Vierzeiler) und 2 Terzette ( Dreizeiler) gegliedert sind. Dieser Kontrast zwischen den jeweils ersten beiden und den letzten beiden Strophen erzeugt grundsätzlich eine formale Zäsur, die an einen optischen Bruch gebunden ist. Im Normalfall rückt die erste Strophe eines Sonetts eine These in den Mittelpunkt, wohingegen die zweite Strophe in der Regel eine diesbezügliche Antithese formuliert. Der Wechsel zwischen These und Antithese mündet final in eine Synthese, sodass die Symbiose aus Quartetten und Terzetten eine endgültige Botschaft bzw. Aussage beinhaltet.

Sonette besitzen häufig Reimschemavarianten im Sinne von abba abba cde cde sowie abab baba cde cde und aabb acca ade ead.
Balladen wie etwa “ Die Bürgschaft“, geschaffen von Friedrich Schiller, zählen zu der Gruppe der besonders stimmungsvollen Gedichte. Primär finden sich in der deutschen Lyrik Handlungsballaden, die einem dynamischen Handlungsstrang folgen und häufig einen markantem Höhepunkt entgegenlaufen. Zudem existieren in der deutschen Lyrik gesellschaftskritische Balladen, die gesellschaftliche Zustände anprangern und sozialkritische Fragen stellen. Ferner kennt die Lyrik Unterhaltungsballaden und belehrende Balladen, die in der Regel an einen ethischen Hintergrund gekoppelt sind. Generell thematisieren Balladen ein begrenztes Geschehen, das meist mit einem ungewöhnlichem bis geheimnisvoll- tragischem Plot überrascht. Sie folgen einem dramatischen Aufbau und besitzen eine gebundene Form.

Volkslieder zu dem das Werk Heinrich Heines “ Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ gehört, zeichnen sich durch eine Kombination aus schlichtem Ausdruck, markantem, einprägsamen Inhalt und eingängiger, mitunter gereimter Form aus. Sie sind zudem oftmals von Kehrreimen sowie Dreier- und Vierertakt durchzogen. Lyrik der Kategorie Volkslied wurde einst in der Regel gesungen. Entsprechende Dichtung sensibilisiert deshalb für allgemeingültige Themenfelder und scheint dem Volk und Zuhörer direkt aus der Seele zu sprechen. Intention von Volksliedern ist es, Lyrik zu erschaffen, die von emotionalen Erlebnisausrücken dominiert ist und sich an einem ursprünglich- naiven Stil orientiert. Im Mittelpunkt derartiger Dichtung stehen daher spontane Emotionen mit denen sich der Adressat unmittelbar identifizieren kann. Johann Wolfgang von Goethe der gemeinsam mit Johann Gottfried Herder den Begriff Volkslied im literarischen Kontext etablierte, strebte mit Lyrik der Riege Volkslied eine Dichtung an, die sich klar gegen die formalen Merkmale von Aufklärung und Klassizismus stellte.

Merkmale einer Ode sind ein Mix aus strophischer Gliederung, strengem Aufbau und metrischer Form, die in der Regel ohne Reime auskommt. Demgegenüber kennzeichnen Hymen ein Mix aus freien Rhythmen, die ohne jegliche metrische Gebundenheit daherkommen, gehobener Wortwahl und erhabenem Tonfall. Allerdings mischen Lyriker häufig die einzelnen Elemente der Dichtungsgattungen und erschaffen auf diese Weise Werke, die die Merkmale formal definierter Gattungen aufbrechen.

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geschrieben von: Anatoli Bauer

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